Die Vielfalt des bürgerschaftlichen Engagements

Die Engagementlandschaft in Deutschland hat eine lange Tradition, insbesondere auch in Baden-Württemberg. Das „Ehrenamt“ im Sinne eines freiwilligen oder bürgerschaftlichen Engagements ist heute in vielen Lebensbereichen und unterschiedlichen Organisationsformen präsent. So begegnen uns u. a. das „klassische und das neue Ehrenamt“, die „Freiwilligenarbeit“ oder die „Selbsthilfe“ im Kontext von Engagement. Dabei steht jedoch stets im Zentrum, dass die jeweiligen Tätigkeiten freiwillig ausgeübt werden, nicht auf materiellen Gewinn ausgerichtet sind und zum „Wohle Anderer“ geleistet werden.

Begriffsbestimmung

Die Enquête-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ hat im Jahr 2002 eine Begriffsbestimmung entwickelt, die auch das Deutsche Zentrum für Altersfragen im Auftrag für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) für den alle fünf Jahre erscheinenden Deutschen Freiwilligensurvey als Definition zugrunde legt.

Ein freiwilliges bzw. bürgerschaftliches Engagement erfüllt demnach folgende Kriterien:

  • Die Tätigkeit beruht auf einer eigenen, freiwilligen Entscheidung.
  • Die Tätigkeit findet im öffentlichen Raum statt (nicht in der Familie oder im beruflichen Umfeld).
  • Die Tätigkeit ist nicht auf materiellen Gewinn gerichtet, im Vordergrund steht ein immaterieller, persönlicher Nutzen.
  • Die Tätigkeit wird gemeinschaftlich ausgeübt (zum Wohle der Mitglieder einer (z. B. problembetroffenen) Gruppe von Gesellschaftsmitgliedern und hat in der Regel einen kooperativen Charakter, d. h. die Tätigkeit wird nicht vom Eigeninteresse dominiert, sondern verfolgt das Ziel eines gemeinschaftlichen Zusammenhangs.

Die Vielfalt bürgerschaftlicher Engagementformen

Die Ergebnisse des Deutschen Freiwilligensurveys zeigen, dass sich Ende 2019 knapp 40 % der Wohnbevölkerung in Deutschland ab 14 Jahren freiwillig engagiert hat. Hiervon fanden 8,3 % im Bereich Soziales und 2 % im Bereich Gesundheit statt. Weit überwiegend sind die Engagierten Mitglied einer Organisation und üben ihre freiwillige Tätigkeit (Engagement) somit organisationsgebunden aus. Dies trifft auf 82,7 % der Männer und 76,2 % der Frauen zu.

Das Besondere am Engagement von Einzelhelfer*innen

Mit dem Modellprojekt Weiterentwicklung organisierter Einzelhelfer*innen im Vor- und Umfeld von Pflege wird das Ziel verfolgt, zusätzliches Engagementpotenzial – die sog. „stille Reserve“ – gezielt anzusprechen.

Es handelt sich hierbei um die Adressierung von Personen, die bereits häufig ohne Anbindung an eine Organisation instrumentelle Hilfen leisten, z. B. die Betreuung und Begleitung von Kindern und Erwachsenen mit Unterstützungsbedarf im Alltag oder die regelmäßige Versorgung von Personen aus der Nachbarschaft oder dem Freundes- und Bekanntenkreis. Diese informell geleistete Hilfe und Unterstützung für Personen im sozialen (nicht familialen) Nahraum, zu denen eine persönliche Beziehung besteht, wird oftmals von Unterstützenden oder den zu Unterstützenden nicht als „Engagement“ sondern als „Selbstverständnis“ angesehen. Die räumliche und persönliche Nähe der Nachbarschaft kann hier – so hat es das Projekt „Förderung von Nachbarschaftshilfe durch Servicepunkte gezeigt, Neueinsteiger*innen einen niedrigschwelligen Zugang in ein Engagement ermöglichen.

Für die neu zu entdeckende Zielgruppe der Einzelhelfer*innen soll die Unabhängigkeit von einer organisationalen Anbindung ermöglicht werden. Damit kann die vorhandene Eigeninitiative und Selbstbestimmung gestärkt und gleichzeitig dem Wunsch entsprochen werden, keine oder geringe Verpflichtungen gegenüber Dritten für ein Engagement einzugehen.

Das Modellprojekt fokussiert zudem das mit deutlich über 90 % zweitstärkstes Motiv „anderen Menschen helfen“ und möchte Einzelhelfer*innen mit den Servicepunkten einen begleiteten und dennoch individuellen Gestaltungsraum für ihr Engagement eröffnen. Dies soll vor allem durch die Betonung der Gemeinsamkeit bei der Entscheidung für gewünschte Tätigkeiten erfolgen. Hier sind individuelle Gestaltungsoptionen für gemeinsam verbrachte Zeit in der Häuslichkeit oder beim Besuch von Freizeiteinrichtungen bzw. der Unterstützung bei der Ausübung von Hobbies möglich, aber auch haushaltsnahe Tätigkeiten oder Begleitdienste denkbar.

Verwendete Quellen

Deutscher Bundestag (2020): Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft.

Heerdt, C.; Köhler, A. (2020): Nachbarschaftshilfe – Unterstützung von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen. Ergebnisse eines Projektes zur Förderung von Nachbarschaftshilfe durch Servicepunkte. Handbuch zum Projekt „Förderung von Nachbarschaftshilfe durch Servicepunkte.

Arriagada, C.; Karnick, N. (2022): Motive für freiwilliges Engagement, Beendigungsgründe, Hinderungsgründe und Engagementbereitschaft. In: Simonson, J.; Kelle, N.; Kausmann, C.; Tesch-Römer, C. (Hrsg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland. Der Deutsche Freiwilligensurvey 2019. Empirische Studien zum bürgerschaftlichen Engagement. Wiesbaden: Springer VS, 125-150.

Karnick, N.; Simonson, J.; Hagen, C. (2022): Organisationsformen und Leitungsfunktionen im freiwilligen Engagement. In: Simonson, J.; Kelle, N.; Kausmann, C.; Tesch-Römer, C. (Hrsg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland. Der Deutsche Freiwilligensurvey 2019. Empirische Studien zum bürgerschaftlichen Engagement. Wiesbaden: Springer VS, 183-202.

Kausmann, C.; Hagen, C. (2022): Gesellschaftliche Bereiche des freiwilligen Engagements. In: Simonson, J.; Kelle, N.; Kausmann, C.; Tesch-Römer, C. (Hrsg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland. Der Deutsche Freiwilligensurvey 2019. Empirische Studien zum bürgerschaftlichen Engagement. Wiesbaden: Springer VS, 95-124.